Miteinander leben und voneinander lernen: Murat Demirel im Portrait

Murat Demirel demonstriert als Vorsitzender eine große Offenheit der Türkisch-Islamischen Gemeinde.

von Sonja Weichert

Aktuell_Portrait_Demirel_Moschee_innenFreitagsmittags zwischen halb eins und halb zwei stehen dutzende Paar Männerschuhe im großen Regal im Vorraum der Rintelner Moschee. Dann trifft sich dort die Türkisch-Islamische Gemeinde mit Imam Idris Tasova zum Freitagsgebet, das bei den Männern der Gemeinde in der Moschee Pflicht ist. Mit dabei auch die Schuhe von Murat Demirel, der in Phasen seines Lebens mal mehr deutsch, und dann wieder mehr türkisch gelebt hat.

Demirel kam als kleiner Junge mit vier Jahren aus Malatya mit seinen Eltern nach Deutschland. Genauer gesagt nach Silixen, wo er dann auch seine Grundschulzeit verbrachte. Nicht immer einfach, wie er berichtet, denn neben den schlechten Sprachkenntnissen kamen auch viele andere Probleme der Schulkinder untereinander dazu. Das legte sich aber mit der besseren Verständigung und dem Eintritt in die Realschulzeit, eine richtige Ausländerfeindlichkeit hat er nicht erlebt – weder als Kind noch heute.

Schon als junger Mensch war es die Geschichte der Menschheit, die sein Interesse weckte. Gerne ließ er sich bei den älteren Leuten aus der Nachbarschaft Geschichten über die deutsche Geschichte erzählen. Das spiegelte sich dann auch nachts in den Träumen wieder. „Eine Zeitlang habe ich nur Deutsch geträumt und mich in die erzählten Zeiten zurückversetzt. Habe ich viel über die türkische Geschichte gehört, träumte ich mehr Türkisch.“ Aber nicht nur die Geschichte war das Steckenpferd von Murat Demirel. Mathe lag ihm besonders gut und eine Ausbildung zum technischen Zeichner folgte, bevor er an der Fachoberschule die Fachhochschulreife ablegte. Danach ein angefangenes Studium in Maschinenbau, das aber beendet werden musste: “Weil ich keine Unterstützung bekam und zum Leben ja das Geld verdienen musste.” Den Lebensunterhalt bestritt Demirel dann acht Jahre in der Qualitätssicherung bei der Firma Knippschild. Die Eltern gingen 1986 mit zwei Schwestern und einem Bruder zurück in die Türkei, Murat Demirel blieb mit einer weiteren Schwester in Deutschland und hat seit 1993 beide Staatsangehörigkeiten. Er fühlt sich wohl, arbeitet hier, investiert sein Geld und ist hier Zuhause. Demirel lebt aber eher Türkisch als Deutsch – hat seine vier Söhne islamisch erzogen, aber aufgeschlossen allem und jedem gegenüber. „Natürlich habe ich auch eine kleine Wohnung da, wo meine Wurzeln sind, und ich verbringe meinen Urlaub bei den Eltern in Izmir.”

Aufgeschlossen sein und voneinander lernen, das ist Demirel, der vor 20 Jahren in den Goldschmiedebereich gewechselt hat, besonders wichtig. Sowohl in seinen beiden Juwelierläden, als auch als Bürger Rintelns. Sehr familiär geht es in den beiden Betrieben zu und die nächste Generation steht auch schon in den Startlöchern. Hüseyin Demirel ist bereits im dritten Ausbildungsjahr und hat bis zur Verrentung des Goldschmiedemeisters im väterlichen Betrieb gelernt, jetzt setzt er seine Ausbildung zum Goldschmied in Hannover fort.

Aktuell_Portrait_Demirel_mit Imam_2Familiär geht es aber auch in der Türkisch- Islamischen Mevlana-Gemeinde zu, wo Murat Demirel seit fünf Jahren den Vorsitz hat. Neben der Moschee gibt es in dem Gebäude Ecke Galgenfeld/Im Emmerten ein Teehaus mit Küche, einen Konferenzraum und Unterrichts-Klassenräume. 100 Mitglieder hat der Verein, dazu die Familienangehörigen – so sind es rund 500 Gemeindemitglieder verschiedener Nationen. Neben türkischen und deutschen Mitgliedern sind es auch Araber, Albaner, Russen …, die sich treffen, austauschen und voneinander lernen. Hauptsächlich Kinder und Jugendliche treffen sich in den Klassenräumen zum Türkischunterricht, aber auch, um im Jugendausschuss mitzuarbeiten. Ein Frauenausschuss und ein Elternausschuss schicken genauso wie die Jugendlichen gewählte Mitglieder in den neunköpfigen Vorstand des Vereins. Eine enge Zusammenarbeit hat die Gemeinde auch mit den Rintelner Kirchen und dem Haus der Religionen, wo das Gemeindemitglied Salih Alinak im Vorstand mitarbeitet und den Verein unterstützt sowie das Programm mit ausfüllt. Immer nach dem Motto: „Alles was man nicht kennt, könnte feindlich sein. Dies gilt es abzubauen.“ Für ein gegenseitiges Verständnis wurde auch das Fastenbrechen letzten Sommer erstmalig auf dem Marktplatz veranstaltet und zum “Tag der offenen Moschee” wird jedes Jahr am “Tag der deutschen Einheit” in die Räumlichkeiten des Vereins eingeladen. Kindergärten und Schulen sind genauso willkommen, sich mit der islamischen Religion auseinanderzusetzen und sich umzuschauen, wie jeder interessierte Bürger und Bürgerinnen.

„Jeder, der Fragen hat, kann sich bei mir melden und gerne organisieren wir auch Besichtigungen außerhalb der offenen Tür”, so Demirel, dessen erfrischende Offenheit auch die Transparenz und Offenheit der Türkisch-Islamischen Gemeinde als Teil der Rintelner Gesellschaft verdeutlicht.